Tag an Bord

Erfrischt steige ich die recht steile Treppe hinauf und befinde mich direkt in der Nähe der Küche. Wie auch daheim finden sich die Zutaten für ein heißes Getränk schnell zusammen, kurze Zeit später schmatz und gurgelt die Kaffeemaschine leise vor sich hin.
In der Zwischenzeit unternehme ich die erste Morgenrunde. Okay – bei knapp 30 Metern Schiffslänge ist die ziemlich schnell um. Wir liegen jedoch direkt und allein am Kai eines kleinen, verschlafenen norwegischen Fischerdörfchens. So begebe ich mich kurz an Land und drehe eine Runde durch das Dorf.

Ein schon fast unwirklich schönes Panorama erwartet mich. Menschenleer, hohe schroffe Berge – auf den Gipfeln noch etwas Schnee aus dem letzten Winter. Daneben saftige grüne Wiesen. Über den Sund fliegt ein Seeadler und hält Ausschau nach dem Frühstück.

„Frühstück? Da war doch was“, denke ich mir und gehe stracks zurück Richtung Küche. Der Kaffee ist fertig, in meinem Magen grummelt es ein wenig. „Essen!“ Schnell schmiere ich mir eine Stulle, räume die Sachen wieder zurück an ihren Platz und begebe mich auf das hintere Außendeck. Hier teile ich mir den Platz mit der großen Fasssauna. Mein Blick schweift in die Ferne, das Brot schmeckt lecker, der Kaffee nach großer Freiheit. „Ja, denke ich mir, so lässt es sich leben“.

Um 06 Uhr steht unser Koch neben mir und nickt freundlich „Chämpeguu Kaffee – takk for de!“ (sehr guter Kaffee – vielen Dank dafür!) raunt er mir mit leicht finnischem Dialekt zu. Er ist der erste finnische Koch den ich kennengelernt aber, aber zweifelsfrei der Beste! In weiser Voraussicht habe ich gleich eine ganz Kanne Kaffee aufgesetzt. Es ist hier so schön, da hält es Niemanden lange in den Betten.
Es dauert nicht lange und die anderen Gäste tauchen auf. Insgesamt sind wir 12 Reisende plus 5 Mann Besatzung auf dieser Reise. In der Zwischenzeit hat unser Smutje das Frühstücksbuffet im „Restaurant“ aufgebaut. Das Restaurant ist gleichzeitig der Treffpunkt an Bord, wo früher oder später Jeder vorbeischaut. Die Gespräche werden zunehmend munterer, wir warten mit Spannung auf den Tag. Bei der Lagebesprechung gestern Abend, erklärte unser Guide uns den Ablauf des heutigen Tages.
Das ist ein Vorteil bei einer so kleinen Gruppe. Man ist schnell zusammengetrommelt und jeder bekommt die gleichen Informationen.

Wie der Tag im Groben abläuft, hatten wir ja bereits zu Hause erfahren. Unser Schiff ist jedoch so klein, dass es häufiger Änderungen gibt. Ist das Wetter so gut wie Heute, dann gibt es schon mal verschiedene Extra-Touren. Im schlimmsten Fall muss ein Tagesablauf oder die Fahrtroute komplett umgekrempelt werden, wenn das Wetter schlecht ist. Ein Hauch von Abenteuer schwingt immer mit…

Kapitän Björnar lässt sich nun auch blicken. Er beherrscht die Kunst genau dann aufzutauchen, wenn der Tisch gedeckt ist und der Kaffee ganz frisch! Ich nehme mir vor, erst von Bord zu gehen, wenn auch ich dieses Talent besitze.

Die Abfahrt ist für 09:00 Uhr geplant. Es erwartet uns die Fahrt durch den Geiranger-Fjord und eine Wanderung zu einem Bergbauernhof. Da kein Seegang zu erwarten ist, werden wir ein paar Runden mit dem Zodiak fahren können. Aus der Ferne taucht der erste Kreuzfahrtriese auf. Der Norlando-Chef Nils ist auf dieser Tour unser Reiseleiter. „auf diesem Schiff befinden sich 3.000 Passagiere. Die MS Strönstad ist ungefähr so groß wie eines der Rettungsboote. Deren Kabinen sind 3-mal so groß wie unsere hier an Bord und haben einen schönen Balkon, ein großzügiges Bad und untenstehende Betten.“
„Warum bin ich dann hier auf diesem alten Schiff gelandet?“ frage ich ihn. Er schaut mich an: „Du kannst von dort weder den Adler sehen, noch den Wind hören. Du begegnest dort zwar anderen Menschen, aber Du lernst sie nicht kennen. Du schwimmst auf der See, aber Du lebst nicht mit ihr.“ Dann schmunzelt er: „Bis die Leute da von Bord sind dauert es ewig. Vor dem Schiff baut sich eine Armada von Bussen auf, um die Ausflügler in Scharen zu den Sehenswürdigkeiten zu bringen. Wenn dann alle da sind und mehr oder weniger geschickt mit der Kamera hantieren, beim Selfie im Hintergrund nur andere Menschen zu sehen sind….soll ich weiter machen?“ Er schaut fragend.
„Nein, nein“ lache ich „ich weiß was Du meinst und genau hier bin ich glücklich!“

Die Treppe entlang der Wand des Geirangerfjordes ist lang uns steil. Nur unser Grüppchen ist hier unterwegs und wir haben immer mal wieder Platz und Zeit für ein Foto. Drüben, auf der anderen Fjordseite passiert mittlerweile das, was Nils gesagt hat. Dort befindet sich die Adlerkehre mit einem schönen Aussichtspunkt. Dazu stehen dort 7 Busse, also ca. 350 Menschen. Mir gruselt es und ich gehe weiter. Das besondere an dieser Reise, geht mir durch den Kopf, ist genau diese „Exklusivität“. Genau dort zu sein, an einem Ort, wo kein Anderer stören kann.

Bis zu unserer Rückkunft am Nachmittag waren unser Koch, Kapitän Björnar und unser Maschinist nicht untätig. Die beiden Duschen sind blitzeblank, die Toiletten wie gewohnt sauber und die Herren, sowie ein Pärchen das nicht mit laufen wollte, hatten Zeit zu fischen. Ein Grill steht auf dem Deck, und die ersten Filets brutzeln schon. Heute grillt der Maschinist und bereitet das Fischfilet genau auf den Punkt!

Nach dem Essen lädt uns Nils zu einem kleinen Fotokurs ein. Geduldig erklärt er jedem der es wissen möchte die Funktionen der eigenen Kamera. Er hat sich bereits ein Fotomotiv ausgesucht und lässt uns daran fleißig üben. Wir haben Zeit uns durch die verschiedenen Einstellungen der Kamera zu bewegen und verlassen alsdann den „Automatik-Modus“. So macht fotografieren Spaß!

Den Abend lassen wir bei Geschichten und kalten Getränken ausklingen. Die Sonne weigert sich beharrlich den Horizont zu berühren. Wie gut, dass meine Kabine so schön dunkel ist.